Ausharren am Arbeitsplatz, obwohl sie unzufrieden sind: Viele Arbeitnehmer fahren diese Strategie. Was die Gründe dafür sind. Und wann ein Stellenwechsel wirklich etwas bringt.

Ein Mitarbeiter meidet das Betriebs-Restaurant inzwischen grundsätzlich. In der Pause am Vormittag geht er lieber das kleine Café in der Nähe. „Meine Ruheinsel“, meint der 45jährige……! Hier angelt er sich die Tageszeitung und bevorzugt eines der Stehtischchen, die man von aussen nicht sieht. Und dann freut er sich auf seinen Latte Macchiato mit der extra dicken Milchschaumhaube – und vor allem darüber, ihn unbehelligt geniessen zu können.

Hätte er das Betriebs-Restaurant aufgesucht, wäre er nur wieder auf jene Kolleginnen und Kollegen mit den miesen Mienen gestossen. Und auf jene, die gerne ungefragt mitteilen, dass sie alles anödet: das schlechte Betriebsklima…….vom Chef nie auch nur mal ein lobendes Wort zu hören, dessen autoritären Führungsstil ertragen zu müssen. Die Routine macht sie mürbe, und wenn sie etwas ausserhalb der Routine machen sollen, fühlen sie sich überfordert. Den Erfolgs,- Umsatz- und Zeitdruck empfinden sie als unmenschlich. Und die Bezahlung als unangemessen – während die „Chefetage“ dick abzockt! Kurzum: Die Frustrierten wähnen sich im falschen Job, und am liebsten würden sie den ganzen Krempel noch heute hinschmeissen.

Einfach hinschmeissen kann nicht jeder

Dann macht doch……..Denn diese haben es satt, sich Tag für Tag das Lamento anhören zu müssen. Tatsache aber ist, dass die meisten Unzufriedenen bleiben. Dies oft auch aus Bequemlichkeit, Angst vor Veränderung oder wegen der Unsicherheit, ob ihre Qualifikationen noch ausreicht auf dem Arbeitsmarkt vorhanden und gefragt sind. Oder weil es das Einkommen nicht zulässt, sich neu zu orientieren, oder etwa einfach zu kündigen und sich erst einmal eine Auszeit nehmen.

Am schwierigsten sind die „fixiert Unzufriedenen“. Zu diesem Schluss kommt die Erhebung zur Arbeitszufriedenheit, die ein  Marktforschungsunternehmen jedes Jahr in der Schweiz durchführt. Vier Prozent der Erwerbstätigen zählen dazu. Typisches Merkmal: Keinerlei Vorstellungen, was sie gegen den Frust tun könnten. Stattdessen neigen sie zum „unglücklichen Ausharren im Job“. dies im Unterschied zu den acht Prozent „konstruktiv Unzufriedenen“, die immerhin wissen, wie sie ihre Situation verbessern können und eher über einen Jobwechsel nachdenken.

Keine Schönfärberei betreiben

Grösser ist im letzten Jahr die Gruppe jener geworden, die sich einredet, zufrieden zu sein. 37 Prozent der Beschäftigten zählen laut der Erhebung dazu. Ihre Durchhalteparole lautet: „Es könnte noch viel schlimmer sein, eigentlich ist meine Situation gar nicht so schlecht.“ Das aber ist ein Stück Selbstbetrug: Wer so denkt, hat die Ansprüche an seine berufliche Situation heruntergefahren oder sich von Plänen und Träumen verabschiedet. Also bleiben diese Beschäftigten da, wo sie sind, obschon eine gewisse Unzufriedenheit mitschwingt.

Ausharren statt gehen: Den Grund dafür sehen Experten auch in der angespannten Wirtschaftslage und der Krisenfurcht. Meldungen von ausser Kontrolle geratenen Börsen, drohenden Staatsbankrotten und der hohe Frankenkurs machen Arbeitnehmer vorsichtiger. Viele halten deshalb an ihrer Stelle fest – auch wenn sie sich nicht weiterentwickeln und aufsteigen können. Sich ärgern über die schwerfälligen Betriebsabläufe und die harzige interne Kommunikation. Und es zwischenmenschlich knirscht im Team und mit den Vorgesetzten. Im Klartext: In wirtschaftlich schlechten Zeiten sind Mitarbeiter genauso unzufrieden wie in guten Zeiten. Aber die Angst, sich zu verändern, sei noch grösser, während es weniger Alternativen gibt.

Die „innere Kündigung“ schadet allen

Fest steht: Wer am Arbeitsplatz unzufrieden ist und nichts daran ändert, tut sich und seiner Firma keinem Gefallen. Halte die innere Kündigung an, drehe sich die Abwärtsspirale unaufhaltsam, warnt Patric Stocker. Und das nicht nur, weil Frustrierte oft Sarkasmus verbreiten und andere in den Strudel hineinziehen. Bei Unzufriedenen sinkt die Motivation, sie identifizieren sich nicht mehr mit ihrer Aufgabe. Das, was sie gerne machten und gut konnten, wird zur Last, Last führt zu Stress, und jeder neue Stress zementiert die wahrgenommene Unzufriedenheit.

Die Leistungsfähigkeit sinkt und damit auch die Chance, dass der Arbeitgeber Potenzial im Mitarbeiter sieht. Möglich ist auch, dass sich der Betroffene isoliert und den Rückhalt bei Teamkollegen und Vorgesetzten verliert. Bleiben oder gehen? Im schlimmsten Fall trifft diese Entscheidung dann der Chef oder die Personalabteilung. Vorher jedoch, das empfehlen Experten, sollten Vorgesetzte mit ihren unzufriedenen Mitarbeitern unter vier Augen sprechen und die Gründe für den Frust erörtern (siehe Box).

Unzufriedenheit analysieren

Selbst unreflektiert kündigen und sich blindlings woanders bewerben, ist indessen keine Lösung. Nur eine saubere Analyse kann den Weg ebnen zu einer Arbeit, die wieder mehr Freude macht. Und wer nicht klar sieht, sucht am besten Rat: bei einer Person des Vertrauens, einer Laufbahnberatung oder einem Coach.

Eine Rolle spielt darüber hinaus, ob der Frust anhält oder vorübergehend ist, ob die „Unzufriedenheitsherde“ bekannt sind, ob sie zentrale oder untergeordnete Bereiche der Arbeit betreffen. Und ob Veränderungen im Betrieb absehbar sind oder man sie selbst erreichen kann. Dies und mehr muss auf den Tisch. Dann erst kann man entscheiden, ob das Bleiben etwas bringt, im Betrieb eine andere Aufgabe in Frage kommt, eine andere Position sinnvoll ist oder sogar ein anderer Beruf. Viele wechseln den Arbeitsplatz und haben kurz danach denselben Frust. Dies wiederholt sich dann am laufenden Band. So gesehen hätten sie auch gleich an Ort und Stelle bleiben können.

Unzufriedene Mitarbeiter: Was Sie als Chef tun können

Anhaltende Leistungseinbussen können ein Zeichen dafür sein, dass jemand mit seiner Arbeit unzufrieden ist. Aufmerksamen Vorgesetzten fällt es auf, wenn ein guter Mitarbeiter nicht mehr das leistet, wozu er eigentlich fähig wäre. Bringen Sie das Thema unter vier Augen umgehend auf den Tisch. Schildern Sie neutral, was Ihnen aufgefallen ist. Erörtern Sie gemeinsam die Gründe für den Frust und finden Sie heraus, ob dieser aus dem Weg zu räumen ist. Vielleicht kann sich der Mitarbeiter intern weiterentwickeln. Eventuell hilft es auch, ihm auf bestimmte Zeit einen externen Coach zur Seite zu stellen.

Folgende Fragen helfen beim Mitarbeitergespräch:

  • Was empfindet der Mitarbeiter als unangenehm bei seiner Arbeit?
  • An welche Grenzen stösst er?
  • Welche Haltung nimmt er dabei ein? Verfügt er über Strategien, damit umzugehen? Oder steht er dem Ganzen resigniert gegenüber?
  • Sind Rückzugstendenzen spürbar? Oder verstärkte Aktivitäten auf anderen Gebieten, etwa bei sozialen Netzwerken?
  • Wie stark identifiziert sich der Mitarbeiter mit dem Unternehmen, dessen Zielsetzungen, seiner persönlichen Aufgabe?
  • Ist diese Identifikation bei seiner täglichen Arbeit zu spüren?
  • Wie schätzt der Mitarbeiter selbst seine Perspektiven in der Firma ein?